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Platzhalter für einen Artikel über die ehemalige Köchlin-Weberei der Stoffdruckerei Reichart, in Reutin, Lindau


Verbliebene markante Wegmarke ist der Köchlin-Teich neben dem alten Landgasthof. Er war wohl lange das Wasserreservoir der Weberei. An ihn schließt sich nach Westen ein Spielplatz des neuen Wohngebiets an. 


Die Textilindustrie in Lindau begann mit der „Köchlinfabrik“. Das dortige alte Kupferhammerwerk der Familie Gullmann wurde 1863 gemeinsam von Robert Gruber, Besitzer des zuvor städtischen Bleichegutes, Kaufmann Heinrich Gruber aus Aeschach und dem Kaufmann Gustav Kauth aus dem schweizerischen Thalweil bei Zürich erworben, um es in eine Seidenweberei mit Färberei, Druckerei und Appretur umbauen zu lassen.

Wenige Jahre später erwarben diese die Gebrüder Schmid, danach Ferdinand von Schwärzenbach aus Bregenz und 1878 der aus Kempten stammende Färber und Textildrucker Johann Remigius Reichart. 1897 erfolgte die Teilumstellung von Hand- auf Maschinendruck. 1903 färbten dort 13 Arbeiterinnen und 45 Arbeiter Baumwollstoffe für Kleider, Schürzen, Haus- und Tischwäsche und Kopftücher.

1888/89 ließen die schweizerischen Investoren Hoz, Ott & Co. in Lindau-Zech an der Straße nach Hörbranz eine weitere Stoffdruckerei errichten, heute „Hoeckle“.

Die nötige Energie lieferte ein Dampfkesselhaus. Zehn Jahre später ließ sich darin die Fahrzeugfabrik Bilgeri, Wurzer und Lauster nieder. Ihr folgte die Tüllfabrik Kintzinger und Schmückle.


Und die "Beschäftigten"?Bearbeiten

Bereits in Lindaus erster Arbeiterorganisation, dem Arbeiterbildungsverein von 1851, gehörte ein Schneider zu den Gründungsmitgliedern. Ein Jahr später wurde dieser Verein polizeilich verboten.

1876 kam es in Lindau zur Gründung einer ersten Ortsgruppe einer „freien“, sozialdemokratisch-sozialistischen Gewerkschaft. Georg Schacht und Friedrich Kaevalow meldeten beim Magistrat der Stadt die Gründung einer Ortsstelle des „Hutmacher-Central-Vereins“ an. Dieser war 1871 in Altenburg in Thüringen gegründet worden. Als „freie“ Gewerkschaften bezeichneten sich diese Arbeiterorganisationen, da sie nicht mehr von den Kirchen, der katholischen Zentrumspartei oder den liberalen Bürgerparteien abhängig waren.

1894 wurde dem Lindauer Magistrat die Gründung eine „Filiale Lindau des Verbandes der Schneider und Schneiderinnen und verwandten Berufsgenossen Deutschlands“ mit Sitz in Flensburg gemeldet. Der gesamte erste Vorstand arbeitete für die Schneiderei Riedl. Die zehn Gründungsmitglieder stammten gebürtig außer aus Lindau bis von München und Dresden.


1898 kam die Filialgründung des „Krankenunterstützungsverbandes der Schneider in Braunschweig“ hinzu. 1901 gründeten Lindaus freie Berufs- und Branchengewerkschaften ihren örtlichen Dachverband, den „Gewerkschaftsverein Lindau und Umgebung“, welchem im Jahre 1907 elf Einzelgewerkschaften mit zusammen 338 Mitgliedern angehörten.

Vom 5. bis zum 9. April 1908 kam es in Lindau zum ersten Streik in der Bekleidungsbranche. Neun im Verband organisierte Schneider aus zwei handwerklichen Schneidereien erreichten dadurch einen ersten örtlichen Tarifvertrag über ihre Arbeitsbedingungen. Der Stundenlohn für Reparaturarbeiten wurde von 30 auf 35 Pfennige erhöht. Die Stücklöhne erfuhren eine Erhöhung um 15 Pfennige, so dass ein lohnabhängiger Schneider nun für die Herstellung eines Fracks 15 Mark, für die einer Hose 3,50 Mark erhielt. Die reguläre Arbeitszeit erhielt eine Begrenzung auf 10 Stunden täglich. Bei Überstunden mussten statt 35 Pfennigen nun 40 Pfennige bezahlt werden. Die Kündigungsfrist wurde auf 14 Tage festgeschrieben.



Nach KARL SCHWEIZER Die Geschichte der Textilgewerkschaften im Landkreis Lindau – Eine Skizze – www.edition-inseltor-lindau.de/Textilgewerkschaften.pdf




Vorläufer der Gewerkschaften

Es gelang bereits 1906, im Gasthaus „Rieder Höhe“ von Josef Anton Huber zwischen Lindenberg und Weiler die erste sozialistische Feier des 1. Mai durchzuführen. Hauptredner war Hans Rollwagen, der Gründer der „Schwäbischen Volkszeitung“ in Augsburg vom Jahre 1900.

Ein historischer Rückblick im Mitteilungsblatt der Gewerkschaft Textil – Bekleidung (GTB) von 1959 hielt die weitere Entwicklung fest:

„Endlich fand man 1911 in Lindenberg ein Versamm- lungslokal. Zu der ersten Versammlung hatten sich auch die meisten Fabrikanten eingefunden! Der Referent muss- te den Abend mit folgenden Worten einleiten: ‚Wie ich sehe, sind fast mehr Fabrikanten erschienen als Arbeiter. Ich setze die Versammlung zehn Minuten aus. Bitte wol- len sie während dieser Zeit verschwinden!’ Die Unter- nehmer tranken ihr Bier aus und gingen bis auf einen, der meinte, ‚man wird doch wohl noch zuhorchen dürfen‘.

Von den Lindenberger Kollegen sah sich niemand in der Lage, sich offen für die Interessen der Hutarbeiter ein- zusetzen.

Hauptamtliche Sekretäre gab’s damals im Allgäu nicht, und eine ehrenamtliche Tätigkeit hätte den soforti- gen Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge gehabt. Die Lin- denberger fanden aber trotzdem einen Ausweg, der den heute noch Unorganisierten zu denken geben mag: Sie gewannen einen Bürstenmacher (Karl Aßfalg, K.S.) als ihren Agitator. Der war nämlich gegenüber den Hutfabri- kanten unabhängig und brauchte wegen seiner Tätigkeit nicht um seinen Arbeitsplatz zu bangen ...

Dennoch ließen die Lindenberger Hutfabrikanten nichts unversucht, auch jenem Bürstenmacher ‚das Hand- werk zu legen’.  



Reicharts Stoffdruckerei in Lindau-Reutin musste wegen Auftragsmangels von 1916 bis 1918 die Produktion einstellen.

Die Revolution bringt das Kriegsende und eine andere Ordnung

Die zwei russischen Revolutionen von 1917 leiteten die Wende ein. Ihnen folgte in Deutschland die Novem- berrevolution von 1918. Kleine örtliche Änderungen drückten ebenfalls die damalige Aufbruchstimmung aus. „Die noch wenigen Mitglieder der christlichen Ge- werkschaft gründeten den ‚Allgäuer Strohhutarbeiterver- band’ (am 6. Januar 1918), der auf parteiloser Grundlage aufgebaut werden sollte. Der Organisation schlossen sich sofort 150 Arbeitnehmer an. Die Arbeitgeber wollten die- se junge Gewerkschaft jedoch nicht anerkennen. Sie woll

ten sich erst dann zu Verhandlungen bereit erklären, wenn mindestens die Hälfte der in Frage kommenden Arbeiterschaft dem Verband angehöre. Diese Bedingung erwies sich indirekt als ausgezeichnete Werbung für den Strohhutarbeiterverband, und bis zum August 1918 stieg die Mitgliederzahl auf 1260 an!“ 17

Verbandssekretär war Xaver Wagner in Scheidegg. Regelmäßige Sprechstunden hielt er immer mittwochs und samstags im „Löwen“ in Lindenberg, donnerstags im „Hirsch“ in Weiler und freitags in der „Sonne“ in Scheidegg ab. Zusätzlich gab es Obfrauen und Obmän- ner in Scheidegg, Weiler, Lindenberg, Heimenkirch, Simmerberg, Opfenbach, Ellholfen und Oberstaufen.

So konnte am 1. Oktober 1918 der erste Tarifvertrag für das Strohhutgewerbe im Westallgäu durchgesetzt werden, welcher in erster Linie den Strohhutnäherin- nen eine Lohnaufbesserung brachte. In den Arbeiter- und Soldatenräten, den revolutionären Organisations- strukturen der Revolution von 1918/19, waren in Lin- denberg und Weiler auch Vertreter der Textilarbeiter- schaft, nicht aber in Lindau. Im Lindenberger Arbeiter- rat war u.a. Bürstenmacher Karl Aßfalg Mitglied, vor dem Krieg ehrenamtlicher Sekretär des Deutschen Hut- arbeiterverbandes in der Stadt und nun Ortsvorsitzen- der der 1912 und 1914 zwei Mal gegründeten Arbeiter- partei SPD. Im Arbeiterrat Weiler waren der Textilarbei- ter Xaver Beck, der Fabrikweber Gustav Oder und der Strohhutarbeiter Josef Birk Mitglied. Die weiteren SPD- Ortsvereine wurden in Scheidegg 1918, in Weiler, Wei- ßensberg und Röthenbach/Ellhofen 1919 und in Lindau bereits 1899 und erneut 1905 gegründet. Hinzu kamen in Kritik zur Politik der SPD die Gründungen von Orts- gruppen weiterer Arbeiterparteien, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei USPD 1919 in Lindau und Lindenberg und von Ortsgruppen der Kommunisti- schen Partei Deutschlands KPD 1919 in Lindau und 1920 in Lindenberg.


Die Neugründung einer freien Gewerkschaft der Textilarbeiterinnen und Arbeiter im Landkreis Lindau hatte zwei Besonderheiten. Sie fand nicht wie bei den anderen Einzelgewerkschaften bereits Anfang Dezember 1945 statt, sondern erst am 14. Juli 1946, und sie hatte ihren Sitz nicht in Lindau, sondern in Lindenberg.

Diese neuen Einheitsgewerkschaften vereinigten nun Christen und Nichtchristen, Anhänger der Sozial- demokratie und des Kommunismus ebenso, wie der bürgerlichen Parteien, insbesondere der CSU.

Die Textilgewerkschaft in Lindau

War das organisatorische und kämpferische Zentrum der Gewerkschaft im Landkreis nach dem 2. Weltkrieg eindeutig in Lindenberg, so ergaben sich doch auch in Lindau erhebliche Veränderungen. Die Lindenberger Generalversammlung von 1958 besuchten auch 80 Mit- glieder aus Lindau. Mit der Kleiderfabrik Fink 1947, einer Fabrik der Textilwerke Heinrich Kunert 1952 und der Schneiderei Widenhorn wurde damals der Anteil


Karl Schweizer

der Textil- und Bekleidungsbranche an der Lindauer Wirtschaft deutlich erhöht. Hilde Vogler, geboren 1924 in Niederösterreich und aufgewachsen in Wien, trat 1952 in Lindau der Gewerk- schaft Textil-Bekleidung (GTB) bei und arbeitete von 1954 bis 1998 bei den Textilwerken Kunert, davon als Legerin in der Endkontrolle 15 Jahre im Akkord. 1967 wurde sie erstmals zur Betriebsratsvorsitzenden ge- wählt, was sie 25 Jahre lang blieb. Außerdem war sie 20 Jahre lang Mitglied in der Verwaltungsstelle und im Bezirksvorstand der GTB sowie ehrenamtliche Arbeits- richterin, von 1978 bis 1996 SPD-Stadträtin und 1995 Vorsitzende der Kreis-Arbeiterwohlfahrt. Ihren Erinne- rungen sind wichtige Merkmale Lindauer Gewerkschaftsarbeit zu entnehmen:

„Wir streikten auch einmal bei Kunert um den Lohn, im Jahre 1956. Das Fabrikgelände hatte früher ein Tor, dort wo jetzt das Pförtnerhaus ist. Das Tor sperrten wir zu. Die Streikposten und der Betriebsratsvorsitzende lie- ßen damals niemand in den Betrieb, nicht einmal in das Büro. Die mussten ja mitstreiken. Doch dort arbeiteten so unsolidarische Kolleginnen, die zur Arbeit gehen wollten ... Aber die Streikposten- Kollegen hatten einen dicken Streikprügel und deren Anblick brachte die Büroangestellten zur Einsicht. Aber die schlugen nicht zu. So haben wir gestreikt. Die Arbei- ter und Arbeiterinnen streikten alle, nur mit den Ange- stellten hatten wir Schwierigkeiten. Wir gewerblichen waren da alle im Betrieb zusammen. Einer hielt zum anderen, egal ob er Stricker war oder Arbeiterin, keiner wollte aus dem Betrieb gehen. Du kannst dir nicht vor- stellen, wie wir damals einig waren. Es hieß nicht umsonst: SEID EINIG! Außerdem standen am Tor die Streikposten. Der Streik dauerte, bis Herr Heinrich Kunert einwillig- te. Wir streikten, so erinnere ich mich, ein und einen hal- ben Tag lang. Dann verhandelten die Kollegen Schwert- ner und Drogisch, der Betriebsratsvorsitzender war, mit Herrn Kunert, und dann erhielten wir, was wir haben wollten. Der Max Johler von Lindenberg und Vertreter der Bezirksverwaltung Südbayern der GTB in Augsburg kamen zu unserer Unterstützung. Auch Württemberger Gewerkschafter aus Stuttgart kamen. Damals hatten wir noch einen Haustarifvertrag. Die Einbindung der Firma Kunert in einen Flächentarifvertrag kam erst später.


Globalisierung


Kunert Lindau wurde 1998 endgültig geschlossen und die Restproduktion nach Rankweil verlagert. Das end- gültige Ende von Reichardt Lindau wurde 1999 beschlossen, ohne ausreichende Antwort beispielsweise auf die öffentliche Frage von Betriebsrätin Neugebauer: „Warum wurden wir von der Stadt und anderen örtlichen Institutionen so im Stich gelassen?“ Das komplette Werk von Stromeyer in Weiler war im Rahmen des Gesamtkonkurses der Firma bereits 1974 geschlossen worden. Für einen erwähnenswerten Sozialplan zu Gunsten der Entlassenen blieb zu wenig Geld übrig, auch weil die fünf Besitzer zuvor privat große Beträge in die Schweiz transferiert hatten.

Zur Tragik des Jahres 1974 gehörte, dass exakt in den Monaten der Stromeyer-Schließung die Verwaltungsstelle Lindenberg der GTB aufgelöst und mit jener in Kempten verschmolzen wurde. Hans Klingler, nach Max Johler und Walter Anders von 1968 bis 1974 letz- ter bezahlter Gewerkschaftssekretär in Lindenberg, begründete dies u.a. folgendermaßen: „Die überall spürbare starke Reduzierung der Belegschaften in der Hut-, Textil- und Bekleidungsindustrie, verbunden mit Betriebsschließungen oder -einschränkungen größeren Ausmaßes, hat die Beschäftigtenzahl und damit zwangs- läufig die Mitgliederzahlen auf einen Stand absinken las- sen, der einfach keine andere Wahl mehr lässt . . .“34.

In Kempten übernahm zunächst Eugen Wagner aus Weiler die Stelle des Geschäftsführers in dem auf das ganze Allgäu ausgeweiteten Bereich. Das Lindenberger Gewerkschaftshaus wurde gegen örtlichen Protest von der Zentrale in Düsseldorf verkauft. Zwar war die GTB nach wie vor im Westallgäu und am bayerischen Bodenseeufer präsent. Doch ihre alte Kampfkraft war geschwächt.

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